Das Haus der Arbeitsfähigkeit

Das Haus der Arbeitsfähigkeit

In Deutschland wird mehr derzeit noch mehr über Arbeitsunfähigkeit als über Arbeitsfähigkeit gesprochen, so dass solche Phänomene wie das des Präsentismus
(„krank zur Arbeit“) sowie dessen ökonomischen Folgen (vgl. Hemp 2005, Boëthius 2008) oft übersehen werden.

Im Zusammenhang mit alternden Belegschaften muss mehr der Fokus auf der Erhaltung der Arbeitsfähigkeit liegen.

Arbeitsfähigkeit ist von großer Relevanz für:

  • Erwerbstätige: Eine gute Arbeitsfähigkeit ist eine wesentliche Grundlage für das Wohlbefinden des Einzelnen
  • Betriebe: Die Arbeitsfähigkeit der Beschäftigten entscheidet mit über Leistung, Produktivität und Innovationsfähigkeit von Unternehmen.
  • Gesellschaft: Die Arbeitsfähigkeit der Erwerbstätigen eines Landes oder einer Region hat wesentliche Auswirkungen auf die Balance der sozialen Sicherungssysteme.

Die  Gesundheit, lokalisiert im „Erdgeschoss“ des „Hauses der Arbeitsfähigkeit“,(modifiziert nach ILMARINEN & TEMPEL, 2002) bildet eine wesentliche Grundlage für eine gute Arbeitsfähigkeit. Unter Gesundheit werden hier die physische und die psychische Gesundheit verstanden, die beide die Voraussetzung für eine gewisse Leistungsfähigkeit im Arbeitsleben bilden.

Das Erdgeschoss kann die Anforderungen der Arbeit nur dann gut tragen, wenn im 1. Stock eine adäquate ausreichende berufsspezifische Kompetenz vorhanden ist.

Dies bedeutet, dass die Beschäftigten über ausreichende fachliche und soziale Kompetenz verfügen müssen und sie kontinuierlich im Verlauf ihres Arbeitslebensausbauen („lebenslanges Lernen“). Die Bedeutung dieses Stockwerks nimmt in dersich schnell wandelnden Arbeitswelt zu.

Der 2. Stock im „Haus der Arbeitsfähigkeit“ steht für die sozialen und moralischen Werte der Beschäftigten. Diese Werte tragen maßgeblich zur (oft charakteristischen) betrieblichen Arbeitskultur bei.

Hier geht es zum Beispiel um Würde, Respekt, Anerkennung und Gerechtigkeit, aber auch um Bindung an die Einrichtung, Motivation und Engagement. Beschäftigte entwickeln ihr persönliches Konzept, sich in das Arbeitsleben einzubringen. Dies wirkt sich auch auf die Fähigkeit und Bereitschaft zu lernen und sich weiter zu qualifizieren (1. Stock) aus. Zu diesem Stockwerk gehören auch die Einstellungen gegenüber der Leistungsfähigkeit Älterer (z. B. Defizit- vs. Kompetenzmodell).

Im 3. Stock schließlich wird die Arbeit mit allen Aspekten des Arbeitsinhalts (physische, psychische und soziale Anforderungen), der Arbeitsumgebung sowie der Arbeitsorganisation zusammengefasst.

Die Führung nimmt eine besonders wichtige Stellung ein, da Führungsverhalten die Arbeitsfähigkeit der Mitarbeiter wesentlich beeinflussen kann. Weitere zentrale Faktoren, die Gesundheit und Arbeitsfähigkeit beeinflussen können, sind, ob die Arbeitenden ihre Fähigkeiten sinnvoll einsetzen können und inwieweit sie ihre Arbeitsabläufe beeinflussen können.

So vereinigt das „Haus der Arbeitsfähigkeit“ genau diejenigen Aspekte unter einem Dach, die entscheidend sind für den Erhalt und den Ausbau der Arbeitsfähigkeit.

Entscheidend ist, dass die vier Stockwerke in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen. Bei niedriger Arbeitsfähigkeit sollte jedes dieser Stockwerke überprüft werden.  Ein betriebliches Gesundheitsmanagement könnte das „Haus der Arbeitsfähigkeit“ nutzen, um die Kommunikation zwischen den einzelnen Stockwerken zu optimieren. Im Idealfall würden hierbei verschiedene relevante betriebliche Abteilungen miteinander kooperieren, interne Expertise der Mitarbeiter/innen würde mobilisiert und externe dort hinzugezogen, wo es nötig ist.

Sind Problemfelder ermittelt, könnte es sinnvoll sein, gemeinsam eine Rangfolge der Probleme aufzustellen und über die Reihenfolge und die Form  der Bearbeitung zu entscheiden.

In professionel moderierte Workshops können Lösungen und Aktionspläne zur Umsetzung erarbeitet werden.

 

2 Gedanken zu „Das Haus der Arbeitsfähigkeit

  1. Ein schönes Modell. Aber vielleicht ein bisschen idealistisch. In der Praxis des BGM sieht es ja oft so aus, dass nur die ersten drei Stockwerke bearbeitet werden. Der einzelne Mitarbeiter wird getunt, die organisationalen Zusammenhänge werden vernachlässigt.

    Aber Ihr Modell ist natürlich eine schöne Argumentation um die Verantwortlichen zu überzeugen, dass man auch auf der Ebene der Zusammenarbeit, der Strukturen, der Führungsmaximen tätig werden muss.

    Viele Grüße aus Paderborn
    Mareike Scholl (Personalentwicklerin)

    1. Guten Morgen Frau Scholl,

      vielen Dank für Ihren Kommentar. Es ist gut, wenn an den ersten 3 Stockwerken gearbeitet wird. Sie sind ein wesentlicher Bestandteil von Wohlbefinden. Jedoch sind es immer auch die organisationalen Rahmenbedingungen, wie Arbeitsumgebung,soziales Umfeld und das Führungsverhalten, die unmittelbaren Einfluss auf die Gesundheit und Wohlbefinden haben.
      Mitarbeiter erleben häufig negativen Stress am Arbeitsplatz, der sehr vielschichtig gestaltet ist. Über eine Mitarbeiterbefragung z.B. über den Impulstest, kann konkret herausgearbeitet werden, welche Belasungen es für die Mitarbeiter gibt.
      Im Impulstest müssen auch Fragen zur Zusammenarbeit, zur sozialen Rückdeckung durch die Führungskraft oder auch zum Handlungsspielraum beantwortet werden. Diese Fragen beziehen sich auf das 4 Stockwerk und zeigen auf, wo aus Sicht der Mitarbeiter Handlungsbedarf besteht. In Workshops erarbeiten dann die Mitarbeiter an Hand der Ergebnisse Lösungen zur Verbesserung der Situation am Arbeitsplatz. Diese Lösungen fließen dann in Maßnahmen, die über einen Zeitraum umgesetzt und evaluiert werden. Das ermöglicht eine stätige Verbesseung und Anpassung der Arbeitsorganisation und erhöht die Eigenverantwortung der Mitarbeiter den Veränderungsprozess konstruktiv mitzugestalten. In zwei Projekten erlebe ich gerade, wie genau Mitarbeiter wissen, an welchen Stellen es im Unternehmen klemmt oder wo Reibungsverluste bestehen. Sie sind auch in der Lage als Experten vorort konstruktive Verbesserungsvorschläge zu machen. Durch die frühzeitige Einbindung der Mitarbeiter entsteht eine hohe Identivikation mit den notwendigen Veränderungen.
      Jedoch über allem steht die Bereitschaft der Geschäftsführung, sich dem Thema BGM auf allen Stockwerken zu widmen und nicht nur die Verantwortung für Gesundheit und Wohlbefinden an die Mitarbeiter abzugeben.
      Der Nutzen ist groß, denn darüber können Arbeitsabläufe und Arbeitsorganisation effizienter gestaltet werden. Reibungsverluste durch mangelnde Kommunikation oder schwehlende Konflikte werden sichtbar gemacht. Das Miteinander wird gestärkt und es entsteht eine höhere Identifikation der Mitarbeiter mit dem Unternehmen. Kosten können gespart werden.
      Ein Blick aus der Vogelperspektive lohnt sich immer, vorallem, wenn man im operativen Geschäft nicht mehr den Rundumblick hat.

      Alle 4 Stockwerke liegen mir am Herzen, daher ist das Modell Grundlage für meine Argumentation und meine Arbeit vorort. Wenn Sie mögen, lesen Sie den folgenden Artikel " Arbeit ist mehr als Broterweb" zum Thema psychische Belastungen am Arbeitsplatz und was Unternehmen tun können, diese zu verhindern.

      Ich wünsche Ihnen einen guten Start in eine erfolgreiche Woche.

      Herzliche Grüße
      Solveig Boy

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